Über Mich

Zu den Papierarbeiten von Frauke Danzer 

von Dr. Birgit Möckel

Erdenschwere ist den Objekten von Frauke Danzer fremd. Befreit von jeglichem Ballast nehmen die luftigen Hüllen Fahrt auf. Getragen von federleichten Rotoren flattern sie über ihren Nestern, steigen als bildgewordene Ideen und raumgreifende Luftschlösser in den Himmel, formieren sich zu so archaischen wie modellhaften Hybriden und schwärmen mühelos in jedwede Richtung aus. Irgendwo zwischen Himmel und Wasser, von leisesten Strömungen und seismographischen Wellen getrieben, finden sie ihren Weg. 

Bewegung ist das tragende Element jener gleichsam verpuppten Gefährte und Gefährten. So fragil und verletzbar sie mit ihrer hellen Haut auch erscheinen, so standhaft verfolgen sie ihr Ziel und steuern in ein fernes Universum, hoch oben oder inmitten dieser Welt, hin zu einsamen Inseln als Rückzugs- und Zufluchtsorte für das freie Spiel der Gedanken, die durch Liniennetze und feine Verästelungen miteinander verwoben sind. Oder ist das Ziel längst erreicht und sind die leeren Hüllen umfassende Zeugnisse  ihrer eigenen Metamorphose? Abwesenheit und Anwesenheit finden in den als lichte Hohlräume gebauten Hüllen zusammen und stellen Fragen nach dem Kern und Inneren dieser Körper und ihren Trieb- und Antriebskräften.

Detailreich ausgeformt und doch immer skizzenhaft umschließen die Papierhäute partiell ihr zartes Drahtgerüst, lassen es als konstruktives Element durchscheinen, um es an anderer Stelle zu freien Linien im Raum zu öffnen, die das transitorische Element jener mobilen Zwitter betonen oder die fragile Hülle durchstoßen und mit ihren rauen Spitzen für schützende Distanz sorgen, während das eiserne Material bereits Spuren von Rost und Vergänglichkeit in das Papier einschreibt. Blutrote Adern im papierenen Fond senden leuchtende Signale, verweisen auf lebendige Impulse und Energieströme in den (Kleider)hüllen, die sich immer neu aus ihrer Starre zu befreien scheinen und sich von jeglicher Schwerkraft und Bodenhaftung lösen - und seien dies nur festgefahrene Gedankenmuster. 

Beziehungsreich wie diese Formen Körper nachzeichnen, stellen auch die Zeichnungen oder Reliefs aus geschichteten Papieren Fragen nach dem Erleben zwischen Realität, Erinnerung und Traum. Immer wieder setzt die Farbe Rot ein Signal im graphischen Schwarzweiß, verbindet kraftvoll zeit-räumliche Grenzen und lenkt den Blick auf dialogische Zusammenhänge von außen 

und innen als elementare und umfassende Prozesse, die den Menschen innewohnen und begleiten.

Frei nach Michel de Montaigne, der mit seinen Ende des 16. Jahrhunderts erschienenen „Essais“ eine so offene wie prozesshafte Form fand, Gedanken ihren Lauf zu lassen und Ideen aus jedweder Perspektive zu umkreisen, zeichnet die Künstlerin mit ihren aktuellen Papierarbeiten mehrdimensionale Metaphern für Denkräume aus heutiger Sicht. Mit der Lektüre von Montaignes Schriften begann für Frauke Danzer eine fiktive Reise in jenes Schloss bei Bordeaux, das dem französischen Philosophen als Rückzugsort und „Schreibinsel“ diente. Als blinde Flecken einer Karte, umrissene Topographien in einem leeren weiten Raum oder einem aus Seiten der berühmten Schrift geformten Eiland, das sich als rotierende Landschaft von festen Koordinaten befreit, zeigen sich die aus Papier collagierten Inselträume und Reiserouten. Mit ihnen knüpft die Künstlerin an die historischen Reisen an, um nicht weniger als aktuelle Bilder ins Gedächtnis zu rufen, die an Auswanderung und Migration erinnern und heutige Passagen in ein vermeintliches  Paradies abbilden. 

Bei aller Stille und feinen Poesie, die die Objekte von Frauke Danzer auszeichnen, sind die Arbeiten doch immer auf das engste mit der Realität verbunden.  Wie ihre grotesken Chimären stellen auch diese Hybriden Fragen nach der Existenz eines jeden Individuums: dem was ist, was die Hülle schützt, verbirgt oder vorgibt zu sein. Wo beginnen, wo enden Normen? Womit werden Konventionen tradiert und konserviert? Was bewahren die sorgsam als „Natura Morta“ in kastengleiche Rahmen drapierten Stillleben? Welcher inneren Choreographie folgen die punktuellen topologischen Setzungen aus Bild, Struktur, Material und Raum?

 

Jedes Kapitel einer „Reise in die Vergangenheit“ führt immer auch in die Gegenwart. Ob eingeschlossen in gläserne Käfige oder befreit aus ihren schützenden Gehäusen bleiben die „Helden des Himmels“ wie all ihre chimärengleichen Vorfahren Fremdlinge, die sich immer neu ihr fragiles Terrain abstecken, um sich die Welt anzueignen  - getragen vom leisesten Hauch, hochfliegenden Träumen und ganz realen Bildern  - und auf Dauer eingeschrieben in diese Objekte aus Papier.

                                                                                                                                     

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